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Was sind die Ziele der Phonetik?

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Das Anliegen der Phonetik ist die Erforschung aller lautlichen Aspekte der sprachlichen Kommunikation, d.h. des menschlichen Sprechens und Hörens. Sie kann dabei von vielen praktischen Fragestellungen des alltäglichen Lebens ausgehen, wie z.B.

  • Woran liegt es, daß eine bekannte Person nach wenigen Worten auch ohne Namensnennung über Telefon wiedererkannt wird? Läßt sich diese Alltagserfahrung objektivieren und systematisch zur Stimmenidentifikation in forensischem Kontext einsetzen?
  • Was kennzeichnet die regionale oder nationale Sprechweise, d.h. woran erkennt man im allgemeinen sofort den Schleswig-Holsteiner oder Bayern bzw. den Deutsch sprechenden Ausländer (oder noch genauer: den Engländer, Amerikaner, Franzosen, Italiener, Türken etc.)? Läßt sich auch hier das intuitive Wissen des "Mannes auf der Straße" systematisieren und in effektive Methoden zur Aussprachekorrektur in Mutter- und Fremdsprache umsetzen?
  • Wie prägen sich pathologische Sprechweisen der unterschiedlichsten Art (Stammeln, Poltern, Stottern, Gaumenspaltensprache etc.) lautlich und stimmlich aus? Welche Möglichkeiten der phonetischen Korrektur gibt es?
  • Warum haben Gehörlose so große Schwierigkeiten in Laut- und Stimmbildung, und warum sind sie so schwer zu verstehen?
  • Welches sind die Beziehungen zwischen Laut und Schrift, wie wird letztere produktiv und rezeptiv erworben, und welche Probleme treten dabei auf (Legasthenie)?
  • Wie drücken sich vorübergehende oder lang anhaltende psychische Zustände (Emotionen, Erregung, Depression etc.) im Sprechen aus? An welchen lautlichen und stimmlichen Auffälligkeiten kann man sie diagnostizieren?
  • Wie werden Einstellungen zwischen Gesprächspartnern lautlich und stimmlich signalisiert? Oft beruht ja die Wirkung, die ein Sprecher auf seine Umgebung ausübt, nicht auf dem, was er sagt, sondern wie er es sagt: "Der Ton macht die Musik".
  • Läßt sich die Fähigkeit des Menschen, eine oder mehrere Sprachen zu sprechen und zu verstehen, auch durch Automaten nachbilden? Warum klingen `sprechende Computer' noch immer wie Roboter und nicht völlig wie Menschen?

Die aufgeführten Fragen erwachsen nicht nur aus der Alltagserfahrung, sondern sind auch zentral in einer Reihe von Berufsfeldern: forensische Sachverständige, Sprecherzieher, Fremdsprachenlehrer, Sprachheilpädagogen, Logopäden, klinische Psychologen/Psychiater, Sozialpsychologen, Nachrichtentechniker und Informatiker auf dem Gebiet der Sprachverarbeitung. Von Phonetikern werden Antworten auf solche Fragen erwartet. Um sie geben zu können, müssen sie wissen, wie Sprache erzeugt, übertragen und wahrgenommen wird. Folglich ergeben sich drei Teilgebiete der Phonetik:

  1. Spracherzeugung - die physiologischen Voraussetzungen (Nerven, Muskeln, Atmung) für die Artikulation von Sprachlauten und die Bewegungsabläufe der Sprechorgane;
  2. Sprachakustik - die Umsetzung solcher artikulatorischen Vorgänge in akustische Schwingungen und ihre Übertragung zum Ohr des Hörers;
  3. Sprachwahrnehmung - die Verarbeitung von Sprachsignalen durch Gehör und Gehirn des menschlichen Hörers.

Gegenstand aller drei Teilgebiete ist mithin die gesprochene Sprache. Dabei werden folgende Fragen gestellt:

  • Was haben alle Sprachen (d.h. das menschliche Sprechen schlechthin) gemeinsam? - universelle Aspekte
  • Was kennzeichnet bzw. unterscheidet einzelne Sprachen und Dialekte, wie z.B. Hochdeutsch, Niederdeutsch, Schweizerdeutsch, Chinesisch? - sprachspezifische Aspekte
  • Welche phonetischen Merkmale charakterisieren das Individuum? - sprecherspezifische Aspekte

Phonetiker beschäftigen sich demnach mit wesentlich mehr als mit der Umsetzung von Wörtern in Lautschrift. Die wissenschaftliche Disziplin "Phonetik" vereinigt qualitativ beschreibende geisteswissenschaftliche mit quantitativ messenden naturwissenschaftlichen Methoden. Sie ist interdisziplinär ausgerichtet und hat Verbindungen zu den Fächern der modernen Sprachen, der Linguistik, der Psychologie, der Informatik, der Physik, der Nachrichtentechnik, der Physiologie, der Sprachheilkunde.



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