Prosodische Grenzen und Sprecherwechsel





Beispiel 2.1 - Gezielte Turnübergaben mit tief fallender Kontur und mit ebener Kontur

Beispiel 2.1 zeigt einen Dialogausschnitt mit zweifachem Sprecherwechsel. Sowohl Grenze 01 als auch Grenze 02 werden als gezielte Turnabschlüsse interpretiert. Die Interpretation von Grenze 01 als gezielte Turnübergabe stützt sich auf folgende Beobachtungen: Sprecherin A schließt an der Position 01 einen vollständigen Satz ab. Sie verwendet tief fallende Intonation, Längung und Laryngalisierung. Es folgt eine Pause von 400 ms bis Sprecherin B beginnt zu sprechen. Sprecherin B reagiert mit einer elliptischen Frage, die mit der Grenze 02 endet. Die Interpretation von Grenze 02 als gezielte turnfinale Grenze stützt sich hier vor allem auf die Fragekonstruktion oder was und die nach 200 ms folgende Antwort von Sprecherin A auf die gestellte Frage. Die melodische Bewegung auf oder was ist fast eben, liefert also keinen phonetischen Hinweis auf eine Frage bzw. eine intendierte Turnübergabe.

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Textreferenzen:  4.1.1, 4.1.2, 4.2.1.1, 4.2.1.2, 4.6
Korpusreferenz: Dialog: l04a, Sprecherin A: CHE, Sprecherin B: KTH, Beginn: 56 sek., Ende: 65 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/l04a01_f.wav

Transliteration:
01 A: ja, aber das war noch im bett. und dann war [die] szene,
02 B:                                             [Ja ]
03 A: dass ähm dass die ihm sagt, dass das kind nicht von ihm ist. 01
04 B: so mal eben zum frühstück, oder was ? 02
05 A: ja. vorm frühstück sozusagen.

Phonetische Beschreibung:
Grenze
Kontur Reset Längung Pause/Atmen/Überlagerung Sonstiges
01 tief fallend k.K. + 400 ms Pause Sprecherwechsel folgt, Intensitätsabfall, Laryngalisierung
02 eben k.K. + 200 ms Pause Sprecherwechsel folgt, tiefes Register im vorangehenden Turn


Beispiel 2.2 - Gezielte Turnübergabe mit komplexen Veränderungen

Der Turnabschluss in diesem Dialogausschnitt zeigt eine Reihe von phonetischen Veränderungen.  Die Äußerung weist unmittelbar nach Grenze 02 noch keine auffälligen phonetischen Veränderung auf. In der Sequenz war er eifersüchtig, oder so nimmt dann die Intensität stark ab, Knarrstimme und Verhauchung setzen ein und steigern sich bis in vollständige Entstimmung auf oder so. Der melodische Verlauf vor Grenze 03 ist tief fallend. Nach einer Pause von 400 ms übernimmt Sprecherin B das Wort. Durch dieses Beispiel wird deutlich, dass auch der Intensitätsverlauf und die Stimmqualität wichtige Merkmale für die Signalisierung von turnübergaberelevanten Positionen sind.

An den Grenzen 01 und 02 produziert Sprecherin A jeweils ein deutlich hörbares Einatmen als Turnhaltesignal.

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Textreferenzen: 4.1.1, 4.1.2, 4.2.1.2, 4.2.1.4, 4.2.1.6, 4.6
Korpusreferenz: Dialog: l03a, Sprecherin A: KPA, Sprecherin B: APE, Beginn: 315 sek., Ende: 325 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/l03a01_f.wav

Transliteration:

01 A: eigentlich ist der nicht unsympathisch. eigentlich hat er immer total
02 A: äh also so 'ne sympathierolle, 01 käthe. 02 aber vielleicht war er da
03 A: eifersüchtig oder so. 03
04 B: mja. und äh oder besoffen eben.

Phonetische Beschreibung:
Grenze
Kontur Reset Längung Pause/Atmen/Überlagerung Sonstiges
01 tief fallend - + 450 ms deutlich hörbares Einatmen Laryngalisierung
02 leicht fallend + + 700 ms deutlich hörbares Einatmen -
03 tief fallend k.K. + 400 ms Pause Sprecherwechsel folgt, starke Intensitätsabsenkung, globale Veränderung der Stimmqualität zu Laryngalisierung und Verhauchung bis zum Flüstern



Beispiel
2.3 - Gezielte Turnübergabe mit mittelhoch steigender Kontur

Das folgende Beispiel zeigt einen eindeutigen Fall einer gezielten Turnübergabe. Sprecherin A stellt eine Frage mit Verberststellung und turnfinal von 190 auf 330 Hz steigender Intonation. Sprecherin B beantwortet die Frage nach einer Pause von 950 ms.

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Textreferenzen: 4.1.2, 4.2.1.2, 4.6
Korpusreferenz: Dialog: l02a, Sprecherin A: TLU, Sprecherin B: AHA, Beginn: 154 sek., Ende: 161 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/l02a01_f.wav

Transliteration:
01 A: meinte er nicht sein' sohn? 01
02 B: nee, er meinte doch auch, dass ähm tanja sich auch ganz easy aus 'm
03 B: staub machen würde oder so.

Phonetische Beschreibung:
Grenze
Kontur Reset Längung Pause/Atmen/Überlagerung Sonstiges
01 mittelhoch steigend k.K. + 950 ms Pause Sprecherwechsel folgt


Beispiel 2.4 - Gezielte Turnübergabe mit hoch steigender Kontur

Dieses Beispiel zeigt eine gezielte Turnübergabe, die wie in den Beispielen 2.1 und 2.3 mit einer Frage gekoppelt ist. Sprecher A verwendet allerdings eine deklarative syntaktische Konstruktion und markiert die Frage durch die angehängte Partikel ne, mit hoch steigender Kontur (Anstieg von 100 auf 370 Hz). Diese Art der Fragemarkierung durch angehängte Partikel mit steigender Intonation ist in spontaner Sprache häufig zu finden. Andere Sprecher verwenden in dieser Funktion auch die Partikeln oder,  ja, nicht oder ok.

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Textreferenzen: 4.1.2, 4.2.1.2, 4.6
Korpusreferenz: Dialog: l06a, Sprecher A: MPI, Sprecher B: TRA, Beginn: 299 sek. , Ende: 307 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/fluessig/l06a01_f.wav

Transliteration:
01 A: aber äh du hast auch gesehen äh wie äh boris äh valerie die treppe
02 A: runterkickt, ne? 01
03 B: nee, das hab' ich nicht gesehen.

Phonetische Beschreibung:
Grenze
Kontur Reset Längung Pause/Atmen/Überlagerung Sonstiges
01 hoch steigend k.K. k.K. 380 ms Pause bis zum Redebeginn von Sprecher B bereits nach 60 ms Pause setzt Sprecher B mit deutlich hörbarem Atmen ein


Beispiel 2.5 - Gezielte Turnübergabe mit tief fallender Kontur

Auch diese Beispiel zeigt eine Fragekonstruktion mit anschließender Antwort. Sprecherin A realisiert die Frage als W-Frage mit final fallender Intonation, Laryngalisierung und Intensitätsabfall an Grenze 02. 

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Textreferenzen: 4.1.2, 4.2.1.2, 4.6
Korpusreferenz: Dialog: l02a, Sprecherin A: AHA, Sprecherin B: TLU, Beginn: 42 sek., Ende: 46 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/l02a02_f.wav

Transliteration:
01 A: wie kam das denn überhaupt noch raus, dass das kind von zorro ist? 01
02 B: das hat sie ihm gesagt.

Phonetische Beschreibung:
Grenze
Kontur Reset Längung Pause/Atmen/Überlagerung Sonstiges
01 tief fallend k.K. + 200 ms Pause
Sprecherwechsel folgt, Intensitätsabfall und Laryngalisierung



Beispiel 2.6 - Gezielte Turnübergabe mit unmittelbarem Anschluss

Alle Turnwechsel der Beispiele 2.1 bis 2.5 zeigen eine deutliche Pause zwischen den Redebeiträgen. Das folgende Beispiel hat lediglich eine Pause von 70 ms zwischen den Turns. Eine so kurze Pause kann vermutlich für den Hörer nicht ausreichen, sich auf die Sprecherrolle einzustellen und den Turn zu übernehmen, nachdem der Gesprächspartner zum Ende gekommen ist. Es muss also davon ausgegangen werden, dass in Fällen eines so schnellen Anschlusses die Entscheidung, den Turn zu übernehmen, schon vorher stattfindet. In diesem Beispiel können Intensitätsabnahme und Entstimmung von Sprecherin A deutlich vor dem Ende ihres Turns als frühzeitige Signale für eine Turnwechselbereitschaft angesehen werden.

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Textreferenzen: 4, 4.1.2, 4.2.1.1, 4.2.1.2, 4.6
Korpusreferenz: Dialog: l01a, Sprecherin A: CJE, Sprecherin B: TEV, Beginn: 228 sek., Ende: 235 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/l01a01_f.wav

Transliteration:
01 A: und denn läu/ fängt sie aber an zu weinen und läuft nach oben und
02 A: will ihre sachen packen. 01
03 B: ach so, nee, und das ist dann bei mir, dann ist es nämlich so, dann sagt
04 B: sie ja so

Phonetische Beschreibung:
Grenze
Kontur Reset Längung Pause/Atmen/Überlagerung Sonstiges
01 tief fallend k.K. + 70 ms Pause Sprecherwechsel folgt, Intensitätsabnahme, Entstimmung


Beispiel 2.7 - Gezielte Turnübergabe mit leichter Überlagerung

Die folgende Turnübergabe wird trotz einer leichten Überlagerung (270 ms) als gezielt interpretiert. Ähnlich wie in den Beispielen 1.1 und 2.7  signalisiert die Sprecherin A das nahende Turnende schon deutlich, bevor sie aufhört zu reden. Ab der Sequenz was denn da sind Intensitätsabnahme, Laryngalisierung und Entstimmung zu beobachten. Hinzu kommt, dass die Sequenz was dann da im treppenhaus stand in einer sehr tiefen Tonlage gesprochen wird. Sprecherin B überlagert lediglich die sehr lange Aspiration von stand. In solchen Fällen spielt vermutlich auch ein an Syntax und Semantik orientiertes Vorausblicken eine Rolle. D.h. die Turnübernehmende kann sich, geleitet durch die Syntax, die Semantik und den Gesprächskontext, das Ende des Satzes schon erschließen, bevor er beendet ist, und so sehr präzise den Turn übernehmen.

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Textreferenzen: 4, 4.1.2, 4.2.1.2, 4.2.1.4, 4.2.1.6, 4.6
Korpusreferenz: Dialog: l01a, Sprecherin A: CJE, Sprecherin B: TEV, Beginn: 92 sek., Ende: 105 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/l01a02_f.wav

Transliteration:
01 A: und da hat sie das gibt 's total bescheuert [ausgesprochen], und da hat
02 B:                                             [ach so       ]
03 A: sie so 'n skelett angeguckt, was dann da im treppenhaus stand. 01
04 B: ach, dann war das siehst du, das war auch was anderes.
05 B: also, bei mir ging sie auf der straße und hat dreimal hintereinander gesagt,
06 B: ha, wie schön, ich war jetzt in der kirch', ich war jetzt in der kirch'

Phonetische Beschreibung:
Grenze
Kontur Reset Längung Pause/Atmen/Überlagerung Sonstiges
01 tief fallend k.K. + 270 ms Überlagerung Sprecherwechsel folgt, Intensitätsabnahme, Entstimmung, Laryngalisierung, tiefes Register


Beispiel 2.8 - Akzeptierte Turnübernahme ohne syntaktischen Abschluss

Dieses Beispiel zeigt eine akzeptierte Turnübernahme. Es kann sich hier nicht um eine gezielte Turnübergabe handeln, da Sprecher B den Turn übernimmt, obwohl Sprecher A gerade eine neue syntaktische Konstruktion begonnen hat (aber). Hierbei ist interessant, dass Sprecher B während des aber von Sprecher A ein Schnalzgeräusch produziert und 100 ms später das Wort übernimmt. Dieses Schnalzen benutzt Sprecher B auch an vielen anderen Stellen im Dialog, kurz bevor er das Wort ergreift. Es kann folglich als Signal des Turnübernahmewillens interpretiert werden (ähnlich wie hörbares Einatmen). Möglicherweise übernimmt Sprecher B das Rederecht an dieser Position auch deshalb, weil Sprecher A an Grenze 01 zum einen eine (mögliche) inhaltliche Einheit abschließt und zum anderen eine tief fallende Kontur produziert, die auf eine turnübergaberelevante Position hinweist.

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Textreferenzen: 4.1.1, 4.1.2, 4.2.1.2, 4.6
Korpusreferenz: Dialog: l06a, Sprecher A: MPI, Sprecher B: TRA, Beginn: 59 sek., Ende: 78 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/l06a02_f.wav

Transliteration:
01 A: ja, also we/ wenn mein bild nicht ganz so grobkörnig gewesen wäre, hätt' ich
02 A: auch noch feine mimiken erkennen können, aber es war leider nicht so richtig
03 A: möglich, 01 aber 02
04 B: ja, alles klar. ich meine und äh weiter ging 's für mich eigentlich dann gleich
05 B: äh in so 'ne küchenszene mit äh ähm, genau mit dieser polin nämlich.

Phonetische Beschreibung:
Grenze
Kontur Reset Längung Pause/Atmen/Überlagerung Sonstiges
01 tief fallend + sehr leicht steigend - + - Gesamter Beitrag vor Grenze 01 ist durch Lachen von Sprecher B überlagert
02 leicht fallend + sehr leicht steigend k.K. k.K. - Sprecherwechsel folgt mit direktem Anschluss, Schnalzen von Sprecher B 100 ms vor der Übernahme


Beispiel 2.9 - Akzeptierte Turnübernahmen mit Übernahmesignalen

Dieses Beispiel zeigt zwei akzeptierte Turnübernahmen in schnellem Wechsel. Zuerst übernimmt Sprecher B den Turn von Sprecher A und dann umgekehrt. Beide Turnübernahmen kündigen sich bereits über eine Sekunde vor der eigentlichen Übernahme an und weisen ähnliche phonetische Strukturen auf. Die Turnübernahmen werden vom Übernehmenden durch deutlich hörbares Einatmen angekündigt, daraufhin folgt überlagernd der Einsatz des Sprechens. Bei der Übernahme an Grenze 01 beginnt Sprecher B 1100 ms vor dem Turnende von Sprecher A  einzuatmen. Die Atmungsphase wird mit einem Schnalzgeräusch eingeleitet. 270 ms vor Turnende beginnt er zu sprechen. Bei der Übernahme an Grenze 02 beginnt Sprecher A 1330 ms vor dem Turnende von Sprecher B deutlich hörbar zu atmen. 700 ms vor Turnende beginnt er zu sprechen.

Die Übernahme an Grenze 01wird durch  eine Häsitationspartikel eingeleitet. An Grenze 02 produziert der übernehmende Sprecher eine starke Dehnung auf ja, das die Zeit überbrückt, bis der Dialogpartner aufhört zu sprechen. Die Initiative für den Sprecherwechsel geht in beiden Fällen also klar vom jeweiligen Hörer und nicht vom Sprecher aus. Die lauten Atmungsphasen und gedehnten turninitialen Vokalisationen der übernehmenden Sprecher können als Übernahmesignale interpretiert werden, auf die der Dialogpartner reagiert, indem das Rederecht unmittelbar abgegeben wird.

Das Timing der überlagernden Übernahmen (270 bzw. 700 ms vor Äußerungsende) zeigt deutlich, dass die Sprecher eine recht gute Einschätzung der Äußerung des Gesprächspartners vornehmen, denn die ursprünglichen Turninhaber stehen jeweils kurz vor dem Abschluss einer inhaltlich, syntaktisch und prosodisch kompletten Einheit.

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Textreferenzen: 4, 4.1.2, 4.2.1.1, 4.2.1.2, 4.6
Korpusreferenz: Dialog: l06a, Sprecher A: TRA, Sprecher B: MPI, Beginn: 41sek , Ende: 59 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/l06a03_f.wav

Transliteration:
01 A: am anfang irgendwie war nämlich bei mir irgendwie äh mit walze und boris noch
02 A: die [welt völlig in ordnung] [so     ] 01
03 B:     [<Atmen>               ] [äh aber] hundertprozentig mit äh
04 B: buchweizenpfann[kuchen mit] [ahornsirup]. 02
05 A:                [<Atmen>   ] [ja        ], ganz genau, ganz genau. da ich mein'
06 A: nur beziehungsweise äh als die kamera rück/ rückschwenkte so hat hat man ja an
07 A: ihrem gesicht gesehen, dass irgendwas nicht stimmt so und das ist ja meistens
08 A: so bei der lindenstraße.

Phonetische Beschreibung:
Grenze
Kontur Reset Längung Pause/Atmen/Überlagerung Sonstiges
01 leicht fallend k.K. - 270 ms Überlagerung Sprecherwechsel folgt, deutlich hörbares Atmen von Sprecher B 1100 ms vor Grenze 01
02 tief fallend k.K. + 700 ms Überlagerung Sprecherwechsel folgt, Laryngalisierung, deutlich hörbares Atmen von Sprecher A 1330 ms vor Grenze 02


Beispiel 2.10 - Akzeptierte Turnübernahme und Zögerungslängung

Dieses Beispiel zeigt eine akzeptierte Turnübernahme, die während eines unflüssigen Abschnitts durchgeführt wird. Die Planungsschwierigkeiten zeigen sich in einer lokalen Dauerzunahme vor Grenze 01 auf da. Das da ist auf 420 ms gelängt und wird mit ebenem F0-Verlauf produziert, danach folgt eine Häsitationspartikel. Sprecherin B übernimmt das Wort unmittelbar nach dem da, schon während des ähm.

Dieses Turnübernehmen bei Planungsschwierigkeiten steht im Gegensatz zu der Strategie, dem Sprecher bei Planungsschwierigkeiten Zeit zu lassen, die Äußerung zu Ende zu planen und fertig auszuführen. Unter welchen Bedingungen die eine oder die andere Strategie angewendet wird, ist nicht geklärt. In diesem Fall scheint Sprecherin A dadurch, dass sie von andy spricht eine wichtige neue Information hereinzubringen, auf die Sprecherin B sofort reagieren will. Hierfür nutzt sie den prosodischen Einschnitt, der durch die Planungsschwierigkeiten bei Sprecherin A entsteht.

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Textreferenzen: 4.1.1, 4.1.2, 4.2.1.2, 4.6
Korpusreferenz: Dialog: l04a, Sprecherin A: CHE, Sprecherin B: KTH, Beginn: 106 sek, Ende: 112 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/l04a02_f.wav

Transliteration:
01 A: dass sie 's verloren hat, kam dann irgendwie erst, als andy da 01 ähm 02
02 B: ach so, das hast du auch mitbekommen mit dem st/ äh stall da.

Phonetische Beschreibung:
Grenze
Kontur Reset Längung Pause/Atmen/Überlagerung Sonstiges
01 eben k.K. + - Sprecherwechsel folgt unmittelbar, Häsitationspartikel folgt nach 200 ms
02 eben k.K. k.K. 220 ms Überlagerung Häsitationspartikel ist vollständig überlagert



Beispiel
2.11  - Akzeptierte Turnübernahme und unflüssige Sprechweise

Wie schon das vorangegangene Beispiel illustriert auch dieses Beispiel eine Turnübernahme während eines unflüssigen Abschnitts. Hier zeigt Sprecherin A allerdings eine global unflüssige und unsichere Sprechweise mit deutlich abnehmender Lautstärke im Verlauf ihres Turns. Der Vorgang der Übernahme beginnt mit einem überlagernden Rezeptionssignal (m, genau). Danach folgt ein deutlich hörbares Einatmen, bevor Sprecherin B überlagernd ihren Turn beginnt. Sprecherin A spricht mit sehr geringer Lautstärke ihre letzte Phrase zu Ende, während die Partnerin schon redet. Ein solches Zuendeführen der letzten Phrase mit geringer Lautstärke ist bei akzeptierten Turnübernahmen mit Überlagerung häufig zu beobachten. Die gesamte Überlagerungsdauer beträgt 1800 ms.

Dieser Dialogausschnitt wird hinsichtlich der unflüssigen Sprechweise auch in Beispiel 3.3 diskutiert.

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Textreferenz: 4.1.2, 4.2.1.2, 4.4.2, 4.6
Korpusreferenz: Dialog: l01a, Sprecherin A: TEV, Sprecherin B: CJE, Beginn: 401 sek., Ende: 418 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/l01a03_f.wav

Transliteration:
01 A: dann sagt er auch noch das stück, glaub' ich, und kommt so an
02 A: ihn ran. ja, aber das hast du dann n/ ja, und dann sind sie
03 A: da eben und dann sagt er ja noch, % dass dass er den was
04 A: er denn machen soll, und so, und dass er den titel ja zurückgeben
05 A: [soll, und so, und was hätte er denn machen sollen da.]
06 B: [m, genau. und dass er ihm dann                       ]
07 B: nachher noch droht oder denn [meint da also], wenn wenn ihr so wütend
08 A:                              [ja, genau    ]
09 B: seid also, wenn ihr meint, meine Moral ist nichts wert, und denn knallt
10 B: er sich grei/ greift er so ihn äh in so ins hemd und sagt denn
11 B: mein ziehsohn


Beispiel 2.12 - Akzeptierte Turnübernahme mit Glottalverschluss

Beispiel 2.11 zeigt wie eine Sprecherin trotz Überlagerung ihre begonnene Phrase noch zu Ende spricht, bevor sie das Rederecht abgibt. Ein anderes, ebenfalls häufiges Verhalten zeigt Sprecherin A in Beispiel 2.12. Sie bricht mitten in einer prosodischen Phrase ab, da die Partnerin beginnt zu sprechen. Sie erzeugt hierbei am Ende von auch einen Glottalverschluss, den sie bis zum Einsatz von ja genau hält. Diese Art der Selbstunterbrechung mit Glottalverschluss ist auch an syntaktischen Abbrüchen mit nachfolgender Korrektur zu beobachten und hat in diesem Kontext die Funktion des Turnhaltens (Local & Kelly 1986). Local & Kelly bezeichnen die durch den Glottalverschuss entstehenden Pausen in solchen Fällen folglich als 'holding silence'. Im Kontext der Unterbrechung durch die Gesprächspartnerin kann der gehaltene Glottalverschluss als ein Mittel angesehen werden, möglichst schnell wieder das Rederecht zu übernehmen bzw. anzuzeigen, dass der Anspruch auf das Rederecht nicht aufgegeben wird. Dieses Verhalten ist möglicherweise durch die Sprechatmung motiviert. Sprecherin A atmet am Anfang des transliterierten Abschnitts ein und hat folglich an der Abbruchstelle noch reichlich Luft zum Weitersprechen in den Lungen. Der Glottalverschluss stoppt das Ausströmen der Luft und ermöglicht ein schnelles Wiedereinsetzen an einer geeigneten Stelle, ohne dass neu eingeatmet werden muss. Das entgegengesetzte Verhalten - ein deutliches Ausatmen bei Unterbrechungen- ist auch oft beobachtbar und soll vermutlich anzeigen, dass der Turn endgültig aufgegeben wurde.

Dieses Beispiel zeigt weiterhin, wie wichtig eine Kanaltrennung zwischen den Gesprächspartnern für eine detaillierte phonetische Analyse ist. Ohne die Möglichkeit des separaten Abhörens von Sprecherin A könnten in diesem Fall keine zuverlässigen Aussagen über ihr sprachliches Verhalten gemacht werden, da das Turnende durch eine laute Äußerung von Sprecherin B überlagert wird.

Abspielen Abspielen beider Sprecherinnen

Abspielen Abspielen von Sprecherin A

Abspielen Abspielen von Sprecherin B

Textreferenzen: 4.1.2, 4.2.1.2, 4.6, 5.1.4
Korpusreferenz: Dialog; l03a, Sprecherin A: APE, Sprecherin B: KPA, Beginn: 8 sek., Ende: 12 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/l03a02_f.wav

Transliteration:
01 A: und diesem freund, [den ich auch  01    ] [ja genau]
02 B:                    [l/ sie lagen im bett] [und     ]

Phonetische Beschreibung:
Grenze
Kontur Reset Längung Pause/Atmen/Überlagerung Sonstiges
01 eben k.K. - 500 ms Überlagerung Abschnitt endet mit Glottalverschluss


Beispiel 2.13 - Umstrittener Sprecherwechsel

Für die Klasse der umstrittenen Turnwechsel gibt es in der Datengrundlage kaum Beispiele. In den meisten Fällen von Übernahmen durch den Gesprächspartner wird die Übernahme vom vorangehenden Sprecher sofort akzeptiert und es findet kein "Kampf" um das Rederecht statt. Dies hat vermutlich folgende Gründe:

Wirklich umstrittene Turnübergänge sind eher in kontroversen Gesprächen (bis hin zum Streit) zu beobachten. Besonders gut sind umstrittene Turnwechsel z.B. in politischen Talkrunden  zu beobachten, wo z.T. über viele Sekunden gleichzeitig geredet wird, bis das Rederecht feststeht oder die Gesprächsleitung einem der Kontrahenten das Wort zuweist bzw. entzieht.

Das folgende Beispiel zeigt einen eher schwach ausgeprägten "Kampf" um das Rederecht. Die Klassifikation als umstritten basiert zum einen auf der langen Überlagerungsdauer von 1990 ms und zum anderen darauf, dass Sprecherin A zu Beginn der Überlagerung (auf dem Wort nee) einen Lautstärkeanstieg produziert, während Sprecherin B ebenfalls mit angehobener Lautstärke das Wort vorher wiederholt. Diese Lautstärkeanhebung auf nee kann als Signal interpretiert werden, dass eine weitere Beanspruchung des Rederechts vorliegt. Allerdings überlässt Sprecherin A an Grenze 01 dann doch ohne weitere Versuche, den Turn zu halten, das Rederecht.

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Textreferenzen:  4.1.2, 4.2.1.2, 4.4.2, 4.6
Korpusreferenz: Dialog; l01a, Sprecherin A: TEV, Sprecherin B: CJE, Beginn: 187 sek., Ende: 193 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/l01a04_f.wav

Transliteration:
01 A: sie war doch da schon am kofferpacken und das war doch im schlafzimmer
02 A: [oder so. nee oder nicht im schlafzimmer, im andern' zimmer] 01
03 B: [aber o/ vorher vorher war das noch                        ]
04 B: in der küche

Phonetische Beschreibung:
Grenze
Kontur Reset Längung Pause/Atmen/Überlagerung Sonstiges
01 tief fallend + sehr leicht steigend k.K. - 1990 ms Überlagerung Sprecherwechsel folgt


Beispiel 2.14 - Collaborative Completion

Dieses Beispiel zeigt eine Ergänzung durch die Gesprächspartnerin ohne Beanspruchung des Rederechts ('collaborative completion').  Typischerweise wird der Einwurf (hubertchen) von der Gesprächspartnerin sofort aufgenommen und in ihre fortlaufende Rede eingebaut. Dieses interaktive Verhalten zeigt, wie schnell und flexibel Gesprächspartner aufeinander reagieren und dass viele Strukturen eines Gesprächs in spontaner Interaktion und nicht durch individuelles Vorausplanen entstehen.

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Textreferenz: 4
Korpusreferenz: Dialog: l02a, Sprecherin A: AHA, Sprecherin B: TLU, Beginn: 380 sek., Ende: 392 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/l02a03_f.wav

Transliteration:
01 A: sie ist so hart, ne? [tante rosi] , [echt]. [seit] ihr o/ ihr mann gestorben ist,
02 B:                      [ja        ]           [ja  ]
03 A: und der [irgendwie s'] hubertchen , und hubertchen sie nicht als alleinerbin für
04 B:         [hubertchen  ]
05 A: seine piefigen zwanzigtausend mark eingesetzt [hat], ist sie stinkig.
06 B:                                               [ja ]


Beispiel 2.15 - Gleichzeitiger Redebeginn

Diese Beispiel zeigt einen gleichzeitigen Redebeginn beider Sprecher. Der gleichzeitige Redebeginn entsteht aus einer Situation heraus, in der keine Klarheit darüber besteht, wer der momentane Inhaber des Rederechts ist. Sprecher A bestätigt in Zeile 1 eine vorangegangene Feststellung von Sprecher B und erzeugt an Grenze 01 mit Intensitätsabnahme, fallender Intonation und Laryngalisierung eine prosodische Grenze, die die Abgeschlossenheit seiner Äußerung signalisiert. Sprecher B reagiert mit einem Rezeptionssignal. Es folgt ein Abschnitt von 800 ms Pause, bis beide Sprecher gleichzeitig beginnen zu sprechen und beide sofort wieder abbrechen. 240 ms später beginnt Sprecher A erneut zu sprechen und übernimmt das Rederecht. Durch die Finalitätsmerkmale an Grenze 01 ist also vermutlich Unklarkeit darüber entstanden, wer das Rederecht hat. Die sehr kurze Sequenz überlagernden Sprechens nach dem gleichzeitigen Redebeginn und die schnelle "Einigung", wer weitersprechen darf, zeigen wie schnell und flexibel Sprecher aufeinander reagieren können.

Abspielen  Gesamtes Beispiel

Ähnlich wie in Beispiel 2.12 wird die Selbstunterbrechung von Sprecher A an Grenze 01 auch hier mit einem Glottalverschluss realisiert, der 240 ms (bis zum Wiedereinsatz) gehalten wird.

Abspielen Selbstunterbrechung mit Glottalverschluss

Textreferenz:  5.1.4
Korpusreferenz: Dialog: l06a, Sprecher A: MPI, Sprecher B: TRA, Beginn: 104 sek., Ende: 112 sek.
Audiodatei: Files/turnfinal/l06a04_f.wav

Transliteration:
01 A: nja, ja, genau so war 's, ja.  01            [a/  ] 02
02 B:                                  ja 03       [denn] 04
03 A: aber dann kam aber gleich w/ äh wieder der der rückschwenk irgendwie zu äh boris

Phonetische Beschreibung:
Grenze
Kontur Reset Längung Pause/Atmen/Überlagerung Sonstiges
01 tief fallend + sehr leicht steigend k.K. - 150 ms Pause Rezeptionssignal folgt
02 k.K. k.K. k.K. - 240 ms gehaltener Glottalverschluss
03 tief fallend k.K. + 800 ms Pause gleichzeitiger Redebeginn folgt, Laryngalisierung
04 eben k.K. k.K. 80 ms Überlagerung Abbruch folgt, Sprecher A erhält anschließend das Rederecht



 

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