Menüpunkt Institut
Menüpunkt Lehre
Menüpunkt Forschung
Menüpunkt Publikationen...bereits gewählt
Menüpunkt Links





English Menu of audio examples Deutsches Menü der Hörbeispiele
 

'Video Task' oder 'Daily Soap Szenario'
Ein neues Verfahren zur kontrollierten Elizitation von Spontansprache

Benno Peters, IPdS Kiel, Germany



Einleitung

In den letzten Jahren wurde viel Arbeit in die Erhebung und Annotation spontansprachlicher Korpora investiert. Beispiele hierfür sind BAS (Tillmann et al, 1995; URL(1), The Kiel Corpus (Kohler et al. 1997; URL(2), The HCRC Map Task Corpus (Anderson et al. 1991, URL(3), Swichboard (Godfrey et. al. 1992, URL(4). Diese Korpora bieten die Möglichkeit, phonetische Hypothesen verschiedenster Art zu erarbeiten und durch systematische Datenbankabfragen zu überprüfen. Die Untersuchung spontansprachlicher Daten ist auch in angrenzenden Forschungsbereichen von Interesse, die sich mit linguistischen, psychologischen, soziologischen und technischen Aspekten der lautlichen Kommunikation auseinandersetzen (z.B. Diskursanalyse, Gender Studies, Sprachtechnologie).

Spontansprache ist als Sammelbegriff für Sprache zu verstehen, die nicht einer orthographischen Vorlage entstammt ('unscripted vs. scripted speech'). Spontanes Sprechen tritt im Monolog, im Dialog oder im Gespräch in Gruppen auf, wobei der situative Kontext verschiedene Stilebenen bedingt. Die meisten Daten, die bisher auf dem Gebiet von 'unscripted speech' erhoben und ausgewertet wurden, sind im Rahmen von 'Map Task'  (Brown et al. 1983; Swerts & Collier 1992) oder im Terminabspracheszenario (Pätzold &Simpson 1994) entstanden. Bei 'Map Task' beschreibt ein Sprecher dem Dialogpartner eine Route , die auf einer stilisierten Landkarte eingezeichnet ist. Der Dialogpartner soll die beschriebene Route dann auf einer anderen Karte einzeichnen. Im Terminabspracheszenario geht es darum, anhand fikiver Terminakalender eine Reihe von Terminen zu verabreden. Beide Szenarien haben den Vorteil, daß das Auftreten bestimmter Wörter relativ gut gesteuert werden kann. Im Terminabspracheszenario treten Wochentage, Monatsnamen und Zahlen auf, in 'Map Task' die Ortsnamen, die auf den Landkarten verzeichnet sind. Die Gesamtanzanzahl der lexikalischen Items, die elizitiert werden, ist allerdings vergleichsweise gering. Das Auftreten einiger lexikalischer Einheiten (z.B. einiger Personalpronomina) ist nahezu ausgeschlossen. Weiterhin erzeugen die Szenarien in der Regel nur wenig emotionale Beteiligung bei den Versuchspersonen und führen z.T. zu einer gekünstelten oder gelangweilten Sprechweise. Das soll nicht bedeuten, daß diese Arten der Elizitation von Spontansprache unbrauchbar wären, nur müssen die Charakteristika der elizitierten Sprache, die aus dem Versuchsaufbau resultieren, Eingang in die Bewertung der Ergebnisse finden und dürfen nicht generalisiert werden. Weiterhin ist es wichtig, neue Möglichkeiten zur kontrollierten Erhebung von Spontansprache zu entwickeln. In diesem Zusammenhang soll hier ein neues Szenario vorgestellt werden, das Sprachdaten liefert, die sich in einigen Punkten erheblich von bisher erhobenen Daten unterscheiden.

Bedingungen der kontrollierten Elizitation von Spontansprache

Die kontrollierte Erhebung spontansprachlicher Daten unter Laborbedingungen ist unter folgenden Gesichtspunkten durchzuführen:
  • Wie veranlasse ich die Versuchspersonen frei und ungezwungen zu sprechen?
  • Welche Stilebene (von förmlich bis intim) wird das verwendete Szenario hervorrufen?
  • Welche Rollenverteilung wird durch das Szenario bedingt?
  • In welcher emotionalen Situation befinden sich die Versuchspersonen?
  • Welche lexikalischen Items sind zu erwarten?
  • Welche prosodische Gestaltung ist zu erwarten?
  • Wie lang sollen die Dialoge sein?
  • Wie kann eine angemessene Qualität der Aufnahme erzielt werden?
  • Für welche nachfolgenden Untersuchungen können die erhobenen Daten verwendet werden?

Jedes Szenario wird in Bezug auf die oben genannten Punkte spezielle Schwepunkte setzen und in der Lage sein, einige der Parameter gut zu kontrollieren. Eine umfassende Kontrolle aller Parameter ist durch kein denkbares Szenario zu gewährleisten. Bei der Erhebung von Spontansprache wird es immer einen Kompromiß zwischen dem Wunsch nach umfangreicher Kontrolle, wie man sie aus gelesener Laborsprache kennt, und der Natürlichkeit von unbeobachteter Spontansprache geben (Simpson 1998).

nach oben


'Video Task'

Die Grundidee von 'Video Task' ist, zwei Versuchspersonen ähnliches, aber nicht identisches Videomaterial zu präsentieren und sie im Anschluß an die Präsentation die Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Gesehenen in einem Gespräch erörtern zu lassen. Hierbei ist es möglich, verschiedenste Filmmaterialien so aufzuarbeiten, dass sie für das Szenario verwendet werden können.

In den bisher durchgeführten Datenerhebungen dienten als Ausgangsmaterial zwei manipulierte Versionen der bekannten deutschen TV-Serie "Die Lindenstraße" (URL(5)), die aus einer Reihe bereits ausgestrahlter Folgen zusammengeschnitten wurden. Das Szenario wird deshalb als 'Daily Soap Szenario` bezeichnet. Die Videosequenzen sind etwa 15 Minuten lang und weichen in folgenden Punkten teilweise voneinander ab:

  • Auswahl und Abfolge der Szenen
  • Vollständigkeit von Szenen
  • Auftreten von Bild- und Tonstörungen

Im Vorfeld der Datenerhebung werden Versuchspersonen gesucht, die mit der Handlung und den Charakteren der Lindenstraße zumindest einigermaßen vertraut sind. Es wird darauf geachtet, daß die Dialogpartner miteinander befreundet sind. Vor der Durchführung der Aufnahme wird den Dialogpartnern in verschiedenen Räumen je eine der beiden Fassungen zweimal hintereinander gezeigt. Danach werden sie über Headsets miteinander verbunden und bekommen die Aufgabe sich über die Unterschiede zwischen den "Folgen" der Serie zu unterhalten. Es besteht kein Sichtkontakt. Auf die Benutzung von schriftlichen Notizen soll verzichtet werden.

Die Vorteile, die dieses Szenario in Bezug auf die oben genannten Bedingungen bietet, sind folgende:

  • Die Aufgabe, die gestellt wird, ist interessant. Das erleichtert es den Versuchspersonen, sich vollständig auf die inhaltliche Fragestellung zu konzentrieren und dadurch weniger an die Laborsituation zu denken. Der Verzicht auf schriftliche Notizen entspricht eher einer Alltagssituation als eine Situation, in der alles schriftlich festgehalten werden muß. Auch dies steigert die Natürlichkeit der Kommunikation. In Interviews, die im Anschluß an die Dialoge mit den Versuchspersonen geführt wurden, hat sich gezeigt, daß diese in der Regel davon ausgingen, daß es bei dem Experiment tatsächlich um eine inhaltliche Fragestellung bezüglich der Lindenstraße geht. Dass das eigentliche Ziel des Experiments die Aufzeichnung von Sprachsignalen ist, wurde praktisch nie bemerkt.

  • Die Vertrautheit der Dialogpartner mit den Charakteren der Serie sorgt für eine persönliche Atmosphäre des Gesprächs. Sich über die Personen aus einer lange verfolgten und relativ realitätsnahen Fernsehserie zu unterhalten, kommt einem Gespräch über reale Freunde oder Bekannte ziemlich nahe, und gerade dieser Gesprächstyp ist in der alltäglichen Kommunikation sehr verbreitet. Dieser Aspekt wird dadurch verstärt, daß die Dialogpartner miteinander befreundet sind. Hinzu kommt, daß die Aufgabe den Versuchspersonen sehr viel Freiraum in der Gestaltung des Dialogs läßt. Die bisher erhobenen Dialoge sind entspannt, freundschaftlich, humorvoll und stilistisch ungezwungen.

  • Die Aufgabenstellung von 'Video Task' beinhaltet keine eindeutige Rollenverteilung. Die Aufgabe erfordert, daß beide Dialogpartner sowohl Fragen stellen, als auch selber über das Gesehene berichten. In den bisher mit 'Daily Soap' aufgenommenen Dialogen sind die Gesprächsanteile beider Sprecher etwa gleich.

  • Durch die Auswahl bestimmter Szenen kann das Auftreten emotional gefärbter Sprache hervorgerufen werden.  In bisher durchgeführten Erhebungen waren die Versuchspersonen meist entspannt, interessiert und humorvoll. Es ist möglich, den Dialogpartnern ein zeitliches Limit für die Lösung der Aufgabe zu setzen, um deren sprachliches Verhalten unter Zeitdruck zu beobachten. Auch kann bei der Auswahl der Dialogpartner der Grad der Vertrautheit zwischen den Versuchspersonen variiert werden.

  • Das Szenario gewähleistet das Auftreten etlicher lexikalischer Einheiten, die in 'Map Task' oder Terminabsprachen nicht vorkommen. Bedingt durch das freie Sprechen und die offene Aufgabenstellung verwenden die Versuchspersonen sehr viele unterschiedliche Wörter. Eine gewisse Kontrolle über das Auftreten lexikalischer Items ist dadurch gegeben, daß bestimmte Wörter und Namen, die im Filmmaterial vorkommen, von den Versuchspersonen aufgegriffen werden.

  • Die humorvolle Einstellung der meisten Lindenstraßen-Fans zur Serie und die komplexe Aufgabenstellung führt zu einer lebendigen und vielseitigen prosodischen Gestaltung. Dass die Aufgabe nur in einem wechselseitigen Abgleich zwischen den gesehenen Filmsequenzen zu lösen ist, führt zu häufigen Sprecherwechseln und zum Einsatz verschiedenster Mechanismen der Gesprächssteuerung.

  • Durch den Umfang des präsentierten Videomaterials und die Anzahl der auftretenden Abweichungen kann die Dauer der Dialoge gesteuert werden.

  • Die schallgedämpfte Aufnahmeumgebung gewährleistet eine gute technische Qualität. Die räumliche Trennung der Versuchspersonen ermöglicht eine Kanaltrennung der Sprachsignale.

  • Die Sprachdaten aus dem 'Daily Soap Szenario' sind nicht auf eine bestimmte nachfolgende Untersuchung zugeschnitten. Das Ziel der Datenerhebung war ein möglichst alltäglicher, lockerer Dialog zwischen befreundeten Personen. Insofern können die Daten zur Basis verschiedenster Untersuchungen gemacht werden, die sich auf diesen Typ von Spontansprache beziehen. Die Kanaltrennung erlaubt hierbei das getrennte Abhören der Kanäle und den Einsatz instrumenteller akustischer Analysen auch in überlappenden Signalbereichen.

Zusammenfassend können die Sprachdaten aus dem 'Daily Soap Szenario' als phonetisch reiche Daten charakterisiert werden. Das Szenario fördert sprachliche Kreativität und bindet das Interesse der Versuchspersonen. Dies führt zu komplexen Gesprächssteuerungsmechanismen zwischen den Dialogpartnern, einem großen Lexikon und einer vielseitigen prosodischen Gestaltung. Unter diesen Gesichtspunkten ist es sinnvoll, mit dem beschriebenen Szenario neue Sprachdaten zu erheben und diese auf Abweichungen und Gemeinsamkeiten mit bereits vorhandenen Daten zu untersuchen.

Audiobeispiele aus dem 'Daily Soap Szenario'

Über die fogenden Textlinks können einige Audiobeispiele aus der 'Video Task' Datenerhebung abgespielt oder heruntergeladen werden. Die Singaldateien liegen im WAV-Format vor.

Hörbeispiel 1: Zwei Schülerinnen der Oberstufe
Abspielen
Hörbeispiel 2: Werbedesignerin und Studentin
Abspielen
Hörbeispiel 3: Koch und Schiffsbauer
Abspielen


nach oben


Literatur und Internetadressen

Anderson, A. H., Bader, M., Bard, E. G., Boyle, E., Doherty, G.M., Garrod, S., Isard, S. D., Kowtko, J. C., McAllister, J., Miller, J., Sotillo, C. F., Thompson, H. S. & Weinert, R. (1991): The HCRC Map Task Corpus. In: Language and Speech 34, pp. 351-366

Brown, G., Anderson, A., Yule, G. & Shillcock, R. (1983): Teaching Talk, Cambridge University Press

Godfrey, J. J., Holliman, E. C. & McDaniel, J. (1992): SWITCHBOARD: Telephone speech corpus for research and development. In: Proceedings IEEE Conference on Acoustics, Speech and Signal Processing, Volume 1, San Francisco, pp. 517-520

Kohler, K. J., Pätzold, M. & Simpson, A. P. (1997): From the acoustic data collection to a labelled speech data bank of spoken Standard German. In: Arbeitsberichte des Instituts für Phonetik und digitale Sprachverarbeitung Nr. 32 (AIPUK), Kiel, pp. 1-30

Pätzold, M. & Simpson. A., (1994) Das Kieler Szenario zur Terminabsprache. Verbmobil Memo Nr. 53

Simpson, A. P. (1998): Phonetische Datenbanken des Deutschen in der empirischen Sprachforschung und der phonologischen Theoriebildung. =Arbeitsberichte des Instituts für Phonetik und digitale Sprachverarbeitung Nr. 33 (AIPUK), Kiel

Swerts, M. & Collier, R. (1992): On the controlled elicitation of spontaneous speech. In: Speech Communication 11, pp. 463-468

Tillmann, H. G., Draxler, C., Kotten, K. & Schiel, F. (1995): The phonetic goals of the new Bavarian Archive for Speech Signals. In: Proc. XIIIth ICPhS, Volume 4, Stockholm, pp. 550-553

URL(1): http://www.phonetik.uni-muenchen.de/Bas/BasHomeeng.html

URL(2): http://www.ipds.uni-kiel.de/forschung/kielcorpus.de.html

URL(3): http://www.hcrc.ed.ac.uk/dialogue/maptask.html

URL(4): http://www.ldc.upenn.edu/Catalog/LDC93S7.html

URL(5): http://www.lindenstrasse.de
 

© Benno Peters, IPdS Kiel, 2001




nach oben